Präambel zum Thema Lesen:

Jedesmal, wenn man ein Buch öffnet, lernt man etwas.           oder            Du öffnest ein Buch, das Buch öffnet dich.
(Chinesisches Sprichwort)

"Bücher öffnen", dessen inhärente doppeldeutige Interpretationsweise, durch das chinesischen Sprichwort sprichwörtlich auf den Punkt gebracht, dient als Auswahlkriterium für die nachfolgenden Gedanken.

23. April Welttag des Buches

Vergrößerung des Chaos um eine Ordnung (und zwar eine eigene) aufstellen zu können

Charles den Tex, Autor des Romans „Die Zelle“, läßt seinen Protagonisten einen interessanten Gedankengang vollziehen. Der Erkenntnis, „Durchschaue die Ordnung und überprüfe die Detail“ (Seite 74) folgt als Lösungsansatz die Schlussfolgerung „man muss erst das Chaos vergrößern, sonst arbeitet man mit der Ordnung eines anderen. Und damit kommt man nicht weit“ (Seite 102)
Dieser Gedankengang basiert auf Selbsterschließungskompetenz, d.h. der Fähigkeit, auf eine wahrgenommene ungeordnete Komplexität (Chaos) mittels einer Erweiterung bzw. Erhöhung der Komplexität zu antworten, um nachfolgend ein neues Ordnungssystem zu definieren.
Aus einer Lernperspektive betrachtet, kann übertragend argumentiert werden, dass im Falle eines nicht mehr ausreichenden Satzes an Deutungsmustern (Ordnungsrahmen, der das Chaos quasi einfängt), die Erweiterung der Betrachtungsperspektive erst die Entwicklung eines neuen Deutungsansatzes ermöglicht. Man kann es auch als eine Mutation der Schöpferischen Zerstörung nach Schumpeter interpretieren, die die Notwendigkeit der Zerstörung (und nicht das Vorhandensein von Fehlern) eines bestehenden Ordnungsrahmens als Vorraussetzung für eine Neuordnung betont.

Quantenphysikalische Überlegung zum Single-Dasein 
In seinem Buch "Der Assistent der Sterne" setztsich Linus Richlin mit dem Phänomen des Single-Dasein aus ungewohnter Perspektive auseinander: Der Quantenphysik! Nichtumsonst wird der Autor fuer sein Werk mit grossartigen Kritiken bedacht. Hier nun der Auszug, der meinen besonderen Gefallen gefunden hat. 

" Er versuchte sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Wesentliche war die Einsamkeit. Über sie lohnte es sich nachzudenken. Er zog die Vorhänge auf, schaltete die Lampe wieder aus und ging im Zimmer auf und ab. Einsamkeit war letztlich ein physikalisches Phänomen. Kurz nachdem das Universum zu existieren begonnen hatte, waren die ersten Materieteilchen entstanden, und zwar stets paarweise: ein Teilchen und sein Antiteilchen. Diese Paare vernichteten einander sofort nach ihrer Erzeugung gegenseitig, übrig blieb nur die Strahlung. Aber weil damals unvorstellbar viele Teilchen entstanden, kam es zu einer statistischen Unregelmäßigkeit: Eines unter einer Milliarden Teilchen wurde ohne Partnerteilchen erzeugt. Während alle anderen Teilchen sich ihrer Bestimmung gemäß paarweise in einem Strahlungsblitz auflösten, flog dieses Teilchen einsam durch die Weiten des fast vollständig leeren Raums. Es suchte nach seinem Partner, aber es gab keinen. Dadurch entging es zwar der Vernichtung, aber seine Existenz hatte von Anfang an etwas Melancholisches. Auf seinem Weg durch den Raum traf es auf andere Teilchen, die wie es auch Opfer der statistischen Schwankungen geworden und gleichfalls partnerlos geblieben waren. Diese Einzelgänger bildeten nun Gemeinschaften, Banden, ähnlich wie junge Männer ohne Freundin. Sie schlossen sich zu Atomen zusammen, später zu Molekülen, sodass heute alles, sich aus jenen einsamen, miteinander kooperierenden Teilchen zusammensetzte. Es war, als ob diese einzelgängerischen Teilchen ihre fundamentale Unvollständigkeit durch die Bildung immer komplexerer Gemeinschaften zu kompensieren versuchten. Eukaryoten, dann Pantoffeltierchen, Mollusken, Wirbeltiere, schließlich das menschliche Gehirn: alles nur das Ergebnis von Bandenbildung alleinstehender Teilchen.
Das Wappentier des Universums ist der einsame Wolf, dachte Jansen.

In diesem Augenblick klopfte sie an die Tür."